Das ganze Haus - moderne Interpretation in 5 Akten

Lage: Kleinstadt, Süddeutschland
Nutzung: Wohnen und Arbeiten
Haustyp: Einfamilienhaus
Baujahr: ca. 1935, letzter Umbau 2010
Bruttogrundfläche: über 500 qm
Grundstücksfläche: ca. 760 qm
BewohnerInnen: 2

Aufteilung Nutzung: Im Erdgeschoss eine hybride Nutzung von Wohnen und Arbeiten

Hintergrund
Seit über 20 Jahren wohnt Frau S. in dem großen Einfamilienhaus an der Schwelle zum Kern einer süddeutschen Großstadt. Es ist Teil einer in den 1930er-Jahren entstanden Siedlung, die aus großzügigen Einfamilienhäusern mit Gärten besteht. In unmittelbarer Nähe des Hauses befinden sich zwei städtische Parks sowie ein Schloss mit Park. Der Bau des Hauses wurde 1935 von der jüdischen Familie G. in Auftrag gegeben, die daraufhin jedoch aufgrund der zunehmenden Brutalität des nationalsozialistischen Regimes aus Deutschland fliehen musste. Nach ihrer Rückkehr blieb das Haus in Besitz der Familie G. bis es 1999 durch das Ehepaar S. von der Tochter der Erbauerfamilie erworben wurde.

Frau S., die Konstante
Nach ihrem Einzug bewohnte das Ehepaar S. das Haus für die ersten 10 Jahre gemeinsam und zog dort ihre Kinder groß. Nach der Trennung im Jahr 2010 lebte Frau S. fortan allein mit beiden Kindern dort, bis das ältere Kind 2015 auszog. Daraufhin wurde das große Haus für 3 Jahre erstmals von nur 2 Personen bewohnt, bis 2018 auch der neue Ehemann (Herr T.) Teil der Hausgemeinschaft wurde. Knapp ein Jahr später folgte der Auszug des zweiten Kindes. Mit dem Erwerb des Hauses 1999 durch das Ehepaar S. fluktuierte die Anzahl der Bewohner:innen demnach stark, wobei Frau S. als einzige Konstante des Hauses angesehen werden kann.

Wohnen und Arbeiten unter einem Dach
Seit 2019 bewohnen Frau S. und Herr T. das große Haus nur noch zu zweit, womit beiden ein Grundstück von insgesamt 760 m2 und ein 3-stöckiges Haus (inklusive Keller & unausgebautem Dachstuhl) mit Fläche von 500 m2 zur Verfügung steht. Bereits 2014 hatte Frau S. jedoch ihr eigenes Unternehmen gegründet, wodurch ein Teil des Hauses gewerblich für den Vertrieb und den Verkauf ihrer Modeprodukte genutzt wird. Daher dient das Gebäude nicht nur als Wohnort für die beiden Eigentümer:innen, sondern auch als Arbeitsort für mehrere Angestellte. Diese zirkulieren in unterschiedlichen Rhythmen und Aufenthaltsdauern im großen Haus und verfügen allesamt über verschiedene Aktionsräume und Zugangserlaubnisse.

Die Angestellten
Frau E., die Hausdame, arbeitet seit dem Einzug von Frau S. für die Familie und ist hauptsächlich für die häusliche Wäsche zuständig. Dadurch besitzt sie Zugang zum Erdgeschoss, Untergeschoss (Wäschekeller) und auch zum Obergeschoss (Wäschezimmer). Frau M. arbeitet als Putzkraft im großen Haus und erhält somit Zugang zu allen Etagen und Räumen des großen Hauses. Zudem gibt es drei Personen, die für den Verkauf und Vertrieb der hauseigenen Produkte angestellt sind, für welchen das Erdgeschoss mit Arbeitszimmer und „Showroom“ dient. Die langjährige Verkäuferin E., die Auszubildende D. sowie die monatlich wechselnden Schulpraktikantinnen können sich somit uneingeschränkt im Erdgeschoss und in den Produktlagerräumen des Kellers bewegen.

700 m2 für 2 Personen?
Die Besonderheit dieses Falles liegt in dem Zusammenspiel zwischen Raum und den anwesenden Akteur:innen im großen Haus: Auf den ersten Blick wirkt es zwar so, als existiere ein enormer Überschuss an Wohnfläche im Verhältnis zur Anzahl an bewohnenden Personen. Diese Wahrnehmung ändert sich jedoch unter Berücksichtigung der im Haus angestellten Personen und ihrer dort verbrachten Zeit. Das große Haus erscheint so vielmehr in Form einer „Arbeits- und Wohngemeinschaft“ die starke Parallelen zum vorindustriellen Phänomen des „ganzen Hauses“ aufweist.

Einem Theaterstück gleich wollen wir diesen Ansatz nun anhand von 5. Akten weiterverfolgen.

Merzoug/Suarez Bergmann/Torlakovic/HCU 2022 - Lizenz: CC BY-NC-SA

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3. Akt: Alltag im „Ganzen Haus“

4. Akt: Die moderne Interpretation des ganzes Hauses

4. Akt: Das Ganze Haus von Frau S. - Eine Neuinterpretation
Als fast geschlossenes, wirtschaftlich-soziales System stellte das ganze Haus viel mehr als nur eine vorindustrielle Wohnform dar. Unter seinem Dach vereinte sich eine Arbeits- und Wohngemeinschaft, die gemeinsam für die Wirtschaft des Hauses verantwortlich war (ESSENSFELDER 1999:2). Als Selbstversorgungseinheit fa…

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2. Akt: Darsteller:innen und Requisiten

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1. Akt: Prolog - Wohnen und Arbeiten auf Theaterbühnen

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4. Akt: Das Ganze Haus von Frau S. - Eine Neuinterpretation

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5. Akt: Blick in die Vergangenheit...für den Wurf in die Zukunft!