Ins gemachte Nest. Ein ehemaliges Frauenwohnheim

Nutzung: Wohnen
Haustyp: Geschosswohnungsbau mit Laubengängen
Baujahr: 1929/30
Anzahl der Geschosse: 5-8
Wohneinheiten: 193
Wohnungsgrößen: 30-35 qm (2 Zimmer), 4-5 x 45-50 qm (3 Zimmer)
Grundstücksfläche: 4.522 m²
Wohnfläche: 6.705 m²

Wohnungen Frau A. und Frau I.:
Wohnungsgröße: jeweils 33 qm
Anzahl der Räume: 2 (Wohnküche und Schlafzimmer)
Anzahl der Bewohner:innen: 1
Besitzverhältnisse: Miete
Eigentümer:in: FRANK

Lesezimmer, Musikzimmer, Dachgarten, Kasino*, Wäschereien - das alles und mehr war früher lediglich ledigen, berufstätigen Frauen vorbehalten, für welche ursprünglich das ehem. Frauenwohnheim entwickelt wurde. Heute stehen die kleinen 1- bis 2-Zimmer-Wohnungen nicht nur diesen zur Verfügung, von den Gemeinschaftseinrichtungen blieben jedoch keine erhalten.

Das ehem. Frauenwohnheim wurde 1929/30 von den Brüdern Frank (Gemeinnützige Kleinwohnungsbaugesellschaft) erbaut und anschließend von der Frauenwohnheime GmbH gepachtet und verwaltet. Diese setzte sich aus verschiedenen Frauenorganisationen zusammen, die eher dem bürgerlichen Spektrum zuzuordnen waren. Das Frauenwohnheim ermöglichte alleinstehenden, berufstätigen Frauen erstmals in der großen Stadt den Zugang zu einer eigenen Wohnung, bislang waren diese nicht wohnberechtigt. Damit sollte ein lukrativer Markt erschlossen werden, galt doch ein großer Teil der 200 000 berufstätigen Frauen in dieser Stadt „zur Ehelosigkeit verurteilt“ (Gemeinnützige Kleinhaus-Baugesellschaft, ca. 1928: 2) - ein „anderer Teil zieht unter den heutigen Verhältnissen die Ehelosigkeit vor“ (ebd.). Die vorhandenen Wohnungen entsprachen nicht den aktuellen Bedürfnissen oder erlaubten keine Flexibilität; die damals noch verbreiteten „möblierten Zimmer“ würden der berufstätigen Frau nicht die „nötige Ruhe“ verschaffen, „um die für die berufliche Leistungsfähigkeit nötigen Kräfte zu erhalten“, zudem lasse „die „Rücksichtnahme auf fremde Mitbewohner […] die Individualität verkümmern“ (ebd.). Das Wohnheim wird somit sowohl als soziale als auch ökonomische Notwendigkeit beworben. Die Mieten waren jedoch mit 35-60 RM so hoch, dass sich nur bürgerliche Frauen die Wohnungen leisten konnten.
Im Zweiten Weltkrieg wurde das Frauenwohnheim so zerstört, dass nur noch das Stahlbeton-Skelett stehen blieb. Beim Wiederaufbau wurde auf die Vielzahl an Gemeinschaftsräumen verzichtet. Bis in die 2010er Jahre gab es lediglich noch einen Waschkeller, Bewohner:innen berichteten jedoch, dass dieser in der Nutzung aufwendig gewesen wäre und beschädigt wurde.
Die Wohnungen stehen heute nicht nur Frauen offen. Überwiegend jüngere Menschen wohnen dort. Als gemeinschaftliche Praxis, wenn auch nicht explizit als solche definiert, lässt sich der freie Austausch von Gegenständen auf den Fluren betrachten. Auch findet die Neuvermietung von Wohnungen oftmals aufgrund von mündlichen Hinweisen statt, wenn mal wieder eine Wohnung leer zu werden scheint.
Immer noch sticht das ehemalige Frauenwohnheim baulich aus der Nachbarschaft hervor, unterscheidet er sich doch mit der weißen Putzfassade von den dominierenden Backsteinfassaden der Umgebung. Schon zur Errichtung überstieg das Gebäude die Normhöhe im Stadtteil, dies zeigt sich auch heute noch. Die Konzeption als Laubenganghaus folgte früheren Gebäuden der Franks in der Nachbarschaft; heute wie damals werden die Laubengänge als „Erfindung“ den Franks selbst- und fremdzugeschrieben.

Fragen: Wie wurde zum Zeitpunkt der Errichtung Gemeinschaftlichkeit und Individualität gedacht - und welche Zuschreibungen wurden der Frau bei der Konzeption gegeben? Was könnte von den Erkenntnissen heute noch relevant sein, wo finden sich Parallelen zur heutigen Wohnraumproduktion? Was lässt sich aus den heutigen Bewohnerinnenbiografien ableiten?

*"Kasino" stand damals für "Kantine", "Speisesaal"

Leipert/HCU 2021 - Lizenz: CC BY-NC-SA

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Audio Frau A.

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Schnitt inkl. Hofansicht, 1930

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Ansicht und Schnitt, 1930

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Video Frau I.

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Vorvertrag, ca. 1930

Vertiefung: Das gemachte Nest der Moderne

*„Weite Kreise der Berufsfrauen leiden seelisch unter der Wohnungsnot. Für viele alleinstehende Damen bedeutet die Erlangung eines eigenen Heimes die Erfüllung eines letzten Ideals. Die Frau, die im Geschäft, Schule, Amt, Büro oder sonstwo tagsüber ihre Berufspflicht erfüllt, braucht nicht nur ein gesundes, sondern auch ein behagliches Heim, in dem sie nach des Tages Last wiede…

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