filmen

Wenn wir bei Urban Types in den Untersuchungen der Fälle filmen und Filme unsere Falluntersuchungen repräsentieren, dann ermöglicht uns das die Räume, Materialien und Gegenstände sowie deren Bewohner*innen in ihren Tätigkeiten in Relation zueinander zu zeigen. Dieses In-Beziehung-Setzen ist notwendig, um (Teil-)Aspekte der darin enthaltenen Geschichten zu dokumentieren und zu erzählen, als auch zu verstehen und zu lesen, interpretieren, analysieren und zu übersetzen (in Bilder, Zeichnungen etc. …) zu können.
Dabei zeigen (filmische) Aufnahmen nicht die eine Wirklichkeit, sondern diverse, vielfältige, unterschiedliche Realitäten. Sie erzählen Geschichten aus und zu einer bestimmten Perspektive, beeinflusst und gerichtet durch die Forschungsfrage, den gewählten Ausschnitt, die sozialen und kulturellen Hintergründe des/der Filmer*in und sein/ihr implizites wie auch explizites (Vor-) Wissen, die Aktionen und Reaktionen der jeweiligen Forschungsteilnehmer*innen und letztlich auch die der Zuschauer*innen.

Denzin (2006: 423) beschreibt dies wie folgt: „In jedem Film oder jeder Fotoserie finden sich vier Erzähl- oder Bedeutungsstrukturen: (1) der visuelle Text, (2) der gesprochene Text, einschließlich der Kommentare der Fotografen zu ihren Bildern, (3) die Erzählung, die den visuellen und den gesprochenen Text zu einer zusammenhängenden Geschichte verknüpft oder in einem Rahmen verortet, und (4) die Interpretationen und Deutungen, die Betrachter (einschließlich der Sozialwissenschaftler) den visuellen, gehörten und erzählten Texten geben. Kein visueller Text ruft bei allen Betrachtern dieselben Assoziationen hervor. Im Verlauf der Auseinandersetzung mit dem Text entwickeln sie ihre unverwechselbar eigenen Lesarten und Interpretationen.“ Die visuelle Ethnographie erstrebt nach Sarah Pink (2013: 35) nicht die objektive Darstellung der Realität. Vielmehr soll sie Varianten der Realität darstellen, wie die Forscher*in sie erlebt haben und dabei so aufrichtig wie möglich den Entstehungskontext der Wissensproduktion mitberücksichtigen.

So wie Filme als Daten der Analyse und Interpretation dienen können, kann filmen auch als Methode angewendet werden Datenmaterial herzustellen (welches dann wiederrum analysiert und interpretiert werden kann).

Filme als Datenmaterial

Das, was gezeigt (oder auch nicht gezeigt) wird, lässt sich auf die individuellen Sichtweisen, persönlichen Erfahrungen und Prägungen der Filmer*innen zurückführen und zeigt gleichzeitig übergreifende gesellschaftliche Bedingungen, Regeln, Standards, Normierungen, Vereinbarungen sowie Erfahrungen (Pink 2013). Entscheidungen im Prozess des Filmens – auch intuitive – beinhalten bereits viele relevante Fragen über das Gefilmte und dazugehörige gesellschaftliche Annahmen und Konventionen. Sie konkret zu stellen kann daher Aufschluss über den Forschungsgegenstand geben und helfen, den Forschungsprozess transparent zu gestalten. In unserem Fall, also in der filmischen Erarbeitung von Haus- und Bewohner*innenbiografien, kann diese Herangehensweise beispielsweise die augenscheinliche Dichotomie von privat und öffentlich betrachten:
Was verstehen wir unter privaten und was unter öffentlichen Räumen? Welche Räume sind für uns (zu) intim und damit weniger zeigbar, welche gesellschaftlich offen und vorzeigbar?

So beinhaltet Video-, bzw. Filmforschung sowohl die Analyse des Materials als auch des Entstehungsprozesses und seinen jeweiligen Bedingungen. Beim Lesen des Materials unterscheidet Denzin zwei verschiedene Arten: „Realistische Lesarten“, die das Gesehene als „Wirklichkeit“ hinzunehmen und das Abgebildete zu beschreiben und zu analysieren suchen, während „subversive Lesarten“ hinter das abgebildete Material zu schauen versuchen und damit nach den Bedingungen ihrer Entstehung sowie der Positionierung bzw. Darstellung der abgebildeten Akteur*innen fragen und diese deuten und interpretieren (Denzin 2006: 424).

Den Entstehungsprozess und die Umstände zu verstehen ermöglicht uns auch dieses Wissen aktiv zu nutzen. Wir können es gezielt durchbrechen und als Stilmittel verwenden oder scheinbar Banales auf neue Weise zeigen, um auch bei den Zuschauer*innen einen Reflektionsprozess über vermeintlich „natürliche“ Gegebenheiten (Nierhaus 2014:9) zu provozieren.
Die Idee ist es also, einen struktur- und formgebenden filmischen Filter zu generieren, durch dessen Anwenden wir die Situation vor Ort betrachten, um sich auf diese Weise der Beantwortung der Forschungsfrage zu nähern und gleichzeitig neue Fragen zu formulieren.

Vorgehen beim Filmen

  1. Feldzugang
    Ausgehend von der Forschungsfrage nähert sich der/ die forschende Filmer*in dem Ort und Gegenstand an. Der Feldzugang erfolgt dabei über das formulierte Motiv und in unserem Fall an einem bestimmten Ort und Haus inkl. seiner Bewohner*innen und Benutzer*innen. Um sich im Feld zu filmisch zu orientieren kann es hilfreich sein, sich zunächst einen Überblick über die Situation und die eigene Fragestellung zu verschaffen und das Haus und seine Bewohner*innen ohne die Präsenz von Aufnahmegeräten kennenzulernen. Aus Gesprächen und Beobachtungen ergeben sich die Antworten auf grundlegende Fragen: Was will ich eigentlich filmen? Was ist zu sehen? Welche Bewohner*innen und Benutzer*innen sind hier anwesend (physisch, über Bilder an den Wänden, in den Erzählungen)?
    Die ersten Aufnahmen können etwa im Rahmen einer Hausführung erstellt werden – je nachdem, was im konkreten Forschungsfall sinnvoll ist und wie die Bereitschaft der Forschungsteilnehmer*innen ausfällt. Mehr dazu siehe Take 2/3.

1.1 Einverständnis einholen
Obwohl audiovisuelle Daten heutzutage alltägliche Benutzung erfahren ist die „offizielle“ Anfrage für die Aufnahme von Bild- und Filmmaterial zu Forschungszwecken nochmals mit einer leicht erhöhten Sensibilität verbunden. Die Rechtsprechung in Deutschland berücksichtigt dabei zwei Rechte: „einerseits das Recht auf Freiheit in der Forschung und andererseits das Persönlichkeitsrecht, bzw. das davon abgeleitete Recht am eigenen Bild.“ (Tuma, Schnettler, Knoblauch 2013: 67) Generell gilt auch hier das Einholen des Einverständnisses.

  1. Iterationen
    Entsprechend der Take-Struktur arbeiten wir bei Urban Types mit einem iterativen, also wiederholenden Ansatz. Das bedeutet für das Filmen: wir beginnen mit einigen wenigen Einstellungen, die wir nach der Aufnahme sichten und analysieren. Durch die Analyse des Filmmaterials kann nun überprüft werden, inwiefern das Gefilmte der übergeordneten Fragestellung gerecht wird. Darauf lässt sich nun das weitere Vorgehen aufbauen. Parallel zum Drehen können wir ein Projekt im Schnittprogramm (z.B.: DaVinci Resolve) anlegen und schauen, wie sich die Einstellungen zusammenfügen lassen und was daraus entsteht. Das Aneinanderreihen der einzelnen Einstellungen wirkt nicht ausschließlich additiv, sondern ergibt in der Summe bzw. durch das In-Verbindung-Setzen etwas Neues, einen filmischen Raum, der sich durch die Betrachtung bzw. in der Betrachter*in formt.

  2. Aufnahmen
    Die Besonderheit des Filmens ist, dass er im Vergleich zum Fotografieren, Schreiben, Zeichnen und Lesen leichter Handlungen, Bewegungen, Gestiken, Mimiken und Geräusche von Personen und/oder der Umgebung darstellen und verständlich machen kann. So bietet das Format Film zunächst bestimmte zusätzliche Möglichkeiten, die gleichzeitig Beschränkungen mit sich bringen. Jede Entscheidung für eine Option ist gleichzeitig eine Entscheidung gegen andere. Es gilt also festzulegen was wie gefilmt wird. Wo ist die Kamera zu positionieren? Gibt es eine oder mehrere Kameras um verschiedene Blickwinkel zu erfassen? Bewegt sich die Kamera mit, ist sie dynamisch oder befindet sie sich an einer Position und ist damit statisch? Kann es sinnvoll sein während der Filmaufnahmen die Ton- von der Bildspur zu trennen, um bessere Qualitäten der einzelnen Formate zu erzielen und diese im Filmschnitt wieder zusammen zu setzen?

Wichtig ist hierbei auch das „Off“ des Bildes, also alles, was unmittelbar außerhalb des gewählten Bildausschnittes liegt. Ton und Geräusche aus dem Off, Protagonist*innen, die das Bild verlassen und betreten, vom Bildausschnitt lediglich angeschnittene Dinge und Personen bedingen die Rezeption des Bildes. Zudem ist einzubeziehen, dass weder Forscher*innen noch Filmer*innen unbeteiligte Beistehende sind. „In der Datenerhebungssituation der klassischen teilnehmenden Beobachtung manipuliert der Beobachter das Set. Indem er physisch anwesend ist, nimmt er auch eine soziale Rolle in der Beobachtungsgruppe ein. Durch seine Erscheinung, sein Fremdsein oder sein Vertrautsein, seine soziale Position, seine vielleicht kaum merkbare Teilnahme an bestehender Kommunikation wird er zu einem Teil der Beobachtungsgruppe. (Reuter 2012:65).“
Auch beim Filmen interagieren wir mit den Protagonist*innen und verändern die zu erforschende Situation gleichermaßen.

Was und wie gefilmt wird steht in unmittelbarem Zusammenhang mit der Forschungsfrage des Falls; einerseits, um Datenmengen und Aufwand zu reduzieren und andererseits, um den Fokus der Untersuchung beizubehalten (vgl. hierzu auch „fokussierte Ethnographie“ Knoblauch 2001 in Tuma, Schnettler, Knoblauch 2013). Insgesamt ist zu beachten und evaluieren, wie sich die unterschiedlichen Methoden (interviewen, filmen, beobachten, recherchieren, fotografieren, zeichnen) gegenseitig ergänzen und welche spezifische Rolle die Videografie in jedem einzelnen Projekt einnimmt.

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